Eine alte Frau liegt in einem Sanatorium. Blind und taub seit Jahren. Ihr Geld ist schon lange weg.


Jemand zahlt ihre Unterbringung – man weiß ja, was sowas kostet.


Die Blumen- und Grußkartenindustrie.


Also genau die Leute, gegen die sie 30 Jahre lang mit allem, was sie hatte, gekämpft hatte.


Die Rede ist von Anna Jarvis.


Gestern vor 101 Jahren, am 09. Mai 1905 stirbt ihre Mutter. Jarvis ist am Boden. Und sie hat eine Idee: einen Tag, an dem Kinder ihre Mütter würdigen. Einmal im Jahr. Bewusst.


1908 organisiert sie die erste offizielle Feier in einer Kirche in Grafton, West Virginia. Weiße Nelken, die Lieblingsblumen ihrer Mutter. Ein paar hundert Menschen.


Sechs Jahre später ist Muttertag nationaler Feiertag in den USA.


Und dann passiert das, was immer passiert, wenn eine Idee zu groß wird.


Die Industrie riecht Geld.


Innerhalb weniger Jahre ist Muttertag ein Milliarden-Geschäft. Grußkarten, Blumen, Restaurantreservierungen.


Jarvis dreht durch.


Sie schreibt Protestbriefe. Kracht in Jahresversammlungen von Süßwarenherstellern und schreit sie an. Organisiert Boykotte. Verklagt Händler.


Wird schließlich sogar verhaftet. Auf ihrer eigenen Veranstaltung. Wegen „Störung des öffentlichen Friedens”.


(überleg mal: ihr eigener Feiertag lässt sie verhaften…)


Sie gibt all ihr Geld aus. Schätzungsweise 150.000 Dollar über die Jahre, was damals echt ne Menge Holz war. Haus weg, Ersparnisse weg – wenigstens hatte sie keine Kinder. Wollte sie auch nie.


Die Schöpferin des Muttertags stirbt kinderlos, blind, taub und pleite.


Und die Industrie, gegen die sie ihr Leben lang gekämpft hat, zahlt am Ende die Rechnung.


Da fragt man sich schon, ob die das aus Respekt gemacht haben. Oder ob die einfach wollten, dass sie endlich still ist.


Jarvis hat mit dem Muttertag keine neue Emotion „erfunden”. Die Liebe zur eigenen Mama gab's schon immer.


Sie hat ihr nur ein Datum damit verknüpft, den Rest hat die Industrie übernommen: Wer keine Blumen kauft, ist ein schlechter Mensch. Wer das Datum vergisst auch. Der Mechanismus läuft von selbst – seit über 100 Jahren.


Über 1 Milliarde Euro im Jahr, allein in Deutschland – obwohl Restaurantbesuche und Gutscheinkäufe rausgerechnet sind.


Die stärksten Kaufgründe muss man nicht erfinden – sie sind schon da.


Markus


PS: Ich hab Katti natürlich trotzdem Blumen gekauft – plus bisschen anderen Stuff.


Ich bin ja kein Idiot nicht lebensmüde, !Reader!